Artikel zum Interview mit Marco Ludescher
(Mitglied der Geschäftsleitung, Dr. Blumer & Partner Vermögensverwaltung Zürich AG)
Die weltweiten Finanzmärkte stehen unter Druck. Politische Krisen, wie die jüngste Eskalation im Nahen Osten, verschärfen die ohnehin angespannten Bedingungen. Krieg kostet Geld und dieses Geld wird in der Regel über neue Schulden aufgenommen. Das treibt die ohnehin hohe Verschuldung der USA weiter in die Höhe und beeinflusst Zinsen, Investitionen sowie Aktienmärkte massiv. Im Gespräch mit Marco Ludescher zeigt sich, dass die turbulenten Marktbewegungen nicht nur kurzfristige Effekte geopolitischer Krisen widerspiegeln, sondern tiefere strukturelle Herausforderungen offenbaren.
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Mehr InformationenDatum der Video-Aufzeichung: 19.03.2026
Die wichtigsten Punkte aus dem Interview
- Die hohe US-Staatsverschuldung erhöht den Druck auf Zinsen und Refinanzierung.
- Big Tech stützt mit hohen KI-Investitionen Teile des Wachstums, erhöht aber zugleich die Kapitalbindung.
- Auch Konsumenten, Immobilienmarkt und Private Credit zeigen Belastungssignale.
- Rohstoffe und Energie rücken in einem unsicheren Umfeld stärker in den Fokus.
- Warum die US-Staatsverschuldung für Anleger relevant ist
- Wie stark KI-Investitionen von Big Tech die US-Wirtschaft stützen
- Welche Risiken im Konsum, Immobilienmarkt und Private Credit entstehen
- Was in Europa, China und Japan zusätzlich auf die Märkte wirkt
- Europa und Deutschland: Strukturprobleme trotz relativer Stabilität
- Welche Rolle Rohstoffe und Energie in diesem Umfeld spielen
- Fazit: Was Anlegerinnen und Anleger aus dem Interview mitnehmen können
Warum die US-Staatsverschuldung für Anleger relevant ist
Die USA stehen vor einem erheblichen Schuldenproblem. Ende des dritten Quartals 2025 lagen die Zinskosten bei rund 1.2 Billionen US-Dollar, das entspricht etwa 4 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP).
Quelle: U.S. Bureau of Economic Analysis, FRED, Federal Reserve Bank of St. Louis.
Präsident Donald Trump plante, Einkommenssteuern durch Zolleinnahmen zu ersetzen – doch diese reichen bei weitem nicht aus: Zölle bringen lediglich 195 Milliarden USD, während das Budget 7 Billionen USD umfasst. Hinzu kommt, dass der Oberste Gerichtshof viele der Zölle kürzlich für unzulässig erklärte.
„Ich bezweifle, dass die Militäroperation so schnell vorbei ist, wie uns das Präsident Trump glaubhaft machen möchte. Und vor allem kostet ein Krieg viel Geld. Geld, das wohl über Schulden aufgenommen wird.“
Ein erheblicher Teil der US-Staatsschulden muss in den kommenden Jahren refinanziert werden. Bereits heute läuft rund ein Drittel der Schulden innerhalb eines Jahres aus, was die Sensibilität gegenüber steigenden Zinsen erhöht. Analysten sprechen zudem von einer „Maturity Wall“ bis 2028, da grosse Volumina bestehender Schulden zu höheren Zinsen refinanziert werden müssen. Diese Notwendigkeit, Schulden regelmässig neu aufzunehmen, macht die USA zunehmend abhängig von der Unterstützung der Federal Reserve. Gleichzeitig schwächelt das Wirtschaftswachstum.
Quelle: Advisors Perspective
Das BIP-Wachstum sank im vierten Quartal 2025 auf 1.4 %, womit das Gesamtwachstum für das Jahr 2025 bei 2.2 % liegt. Den grössten Anteil an diesem Wachstum lieferten massive Investitionen in Rechenzentren und Künstliche Intelligenz (KI); ohne diese Investitionen hätte die US-Wirtschaft vermutlich sogar einen Rückgang verzeichnet.
Wie stark KI-Investitionen von Big Tech die US-Wirtschaft stützen
Die grossen US-Technologiekonzerne investieren massiv in KI und treiben damit den globalen Wettlauf voran. Für 2026 sind enorme Budgets vorgesehen: Alphabet (Google) 185 Milliarden USD, Microsoft 145 Milliarden USD, Meta 135 Milliarden USD und Amazon 200 Milliarden USD.
Quelle: Statista
Diese Investitionen sind extrem kapitalintensiv und belasten die Unternehmensbilanzen stark. Der sogenannte Free Cashflow – also das Geld, das einem Unternehmen nach allen Ausgaben frei zur Verfügung steht – wird zunehmend negativ. Viele Firmen finanzieren diese Projekte über Schulden, weil sie die Investitionen nicht allein aus eigenen Mitteln stemmen können.
Gleichzeitig wächst der internationale Wettbewerb: Chinesische KI-Modelle halten in bestimmten Segmenten, vor allem im Bereich Open Source, bereits sehr hohe Marktanteile von über 30 % – obwohl US-Unternehmen etwa zehnmal so viel investieren. Nvidia zeigt, dass sich gezielte Investments dennoch auszahlen können: Der Aktienkurs stieg über fünf Jahre um mehr als 1.000 % und allein im letzten Jahr um 54 %.
Quelle: finanzen.ch
Allerdings binden steigende Lagerbestände und offene Forderungen an Kunden Kapital und erhöhen das Risiko, falls Zahlungen ausbleiben. Auch Firmen wie Meta, Microsoft und Amazon verschulden sich zunehmend, um ihre KI- und Cloud-Investitionen zu finanzieren.
Parallel dazu zeigen sich im Markt für Private Credit – Kredite, die nicht an Börsen gehandelt werden und oft in Unternehmen oder Fonds fliessen – erste Stresssignale. Fonds, die in Datencenter und KI-Firmen investieren, stellen teilweise Auszahlungen ein, was auf massive Liquiditätsprobleme hindeutet. Viele dieser Kredite werden von Pensionskassen und institutionellen Investoren gehalten, die stabile Renditen erwarten – die aktuelle Entwicklung zeigt jedoch, dass diese Investments zunehmend riskant werden.
„Viele Kunden haben ‚Buy now, pay later‘ metaphorisch als ‚zahle gar nicht‘ verstanden. Die Ausfallraten steigen dramatisch.“
Welche Risiken im Konsum, Immobilienmarkt und Private Credit entstehen
Nicht nur Staaten und Unternehmen stehe unter Druck, auch private Haushalte geraten zunehmend an ihre finanziellen Grenzen. Im Interview wird deutlich, dass sich steigende Ausfallraten im Konsumbereich und wachsende Belastungen bei der privaten Verschuldung als Warnsignal interpretieren lassen.
Buy-now-pay-later-Dienste wie Klarna kämpfen mit steigenden Ausfallraten, weil viele Kunden ihre Zahlungen nicht rechtzeitig leisten. Seit dem Börsengang vor 6 Monaten hat die Aktie nun 68% an Wert verloren.
Quelle: Financial Times
Auch die Zahl der überfälligen Studentenkredite erreichte im vierten Quartal 2025 neue Höchststände. Rund 9 bis 10 % der ausstehenden Kredite sind inzwischen mehr als 90 Tage im Verzug. Gleichzeitig ist der Anteil der Kredite, die neu in Zahlungsrückstand geraten, zuletzt auf über 15 % gestiegen. Parallel dazu schwächelt der Immobilienmarkt: Die Zahl der ausstehenden Hausverkäufe liegt auf historischen Tiefstständen, und immer mehr Menschen können sich Wohneigentum schlicht nicht mehr leisten.
Quelle: New York Fed
Auch die US-Binnenkonjunktur spürt die Folgen: Steigende Lebenshaltungskosten zwingen Haushalte dazu, bei nicht lebensnotwendigen Ausgaben zu sparen. Das schlägt sich negativ auf Aktien von Restaurantketten, Hotels und Fluggesellschaften nieder. Nettoersparnisse von Haushalten, Unternehmen und Staat waren sechs Quartale in Folge negativ – ein deutliches Warnsignal, dass der Konsum stark unter Druck steht. Strukturprobleme wie hohe Verschuldung, steigende Zinslast und stagnierende Einkommen verschärfen die Lage zusätzlich.
Was in Europa, China und Japan zusätzlich auf die Märkte wirkt
Die internationalen Märkte zeigen ein gemischtes Bild. Asiatische Börsen entwickeln sich bisher 2026 stark, angeführt vom koreanischen KOSPI (Korea Composite Stock Price Index) mit einem Plus von bis zu 30 %. Allerdings müssen internationale Investoren Währungsrisiken berücksichtigen: Kursverluste gegenüber dem US-Dollar schmälern die realen Renditen erheblich.
Quelle: Bloomberg
Auch andere Währungen in Asien, wie der japanische Yen oder die indische Rupie, haben in den letzten Jahren stark an Wert gegenüber dem US-Dollar verloren.
In Japan steigen die Renditen für Staatsanleihen auf Rekordniveau, während die Staatsverschuldung bei über 230 % des BIP liegt. Die neue Regierung setzt auf expansive Fiskalpolitik und Stimuluspakete, um die Wirtschaft anzukurbeln, was die langfristigen Zinsen zusätzlich steigen lässt.
Quelle: Bloomberg
Ähnliche Tendenzen zeigen sich in Indien, wo die Rupie in den letzten Jahren rund die Hälfte ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar verloren hat. Und China? China wächst zwar langsamer, aber stabil. Die Wirtschaft profitiert von starken Exporten, insbesondere bei Elektroautos und grüner Technologie.
Quelle: LSEG Datastream 13.02.2026
Gleichzeitig belastet die seit Jahren andauernde Immobilienkrise die Konjunktur: Sinkende Immobilienpreise, viele leerstehende Wohnungen und schwaches Verbrauchervertrauen bremsen das Wachstum. Deutsche Exporte nach China, vor allem im Automobil- und Maschinenbau, gingen 2025 deutlich zurück, was die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Europa und China zusätzlich unter Druck setzt.
Europa und Deutschland: Strukturprobleme trotz relativer Stabilität
In Europa wirken die Aktienmärkte derzeit robuster als in den USA, doch dieser Eindruck täuscht: Die wirtschaftlichen Probleme sind tiefgreifend. Besonders in Deutschland befindet sich die Industrie in einer schwierigen Phase. Exporte und Investitionen gehen zurück, während hohe Energiepreise, Handelskonflikte und der technologische Wandel zentrale Branchen wie Automobil und Industrieproduktion zusätzlich belasten. Ein prominentes Beispiel ist der Autokonzern Stellantis, zu dem Marken wie Opel, Fiat oder Jeep gehören, der für 2025 einen Nettoverlust von 22.3 Milliarden Euro meldete.
Quelle: Statista
Parallel verschärft sich die Lage in der Realwirtschaft. Unternehmensinsolvenzen sind auf den höchsten Stand seit rund 20 Jahren gestiegen, ein deutliches Warnsignal für die wirtschaftliche Stabilität. Gleichzeitig wächst der Staatsapparat weiter: Die Zahl der Beamten und die Personalkosten steigen, während die Produktivität stagniert.
Quelle: ifo
Der demografische Wandel verschärft diese Entwicklung zusätzlich, da immer weniger Erwerbstätige für steigende Ausgaben in den Sozialversicherungen aufkommen müssen.
Auch der Arbeitsmarkt vermittelt ein verzerrtes Bild. Die offiziellen Arbeitslosenzahlen wirken stabil, doch diese Stabilität ist trügerisch, da staatlich finanzierte Beschäftigung einen Teil der strukturellen Probleme überdeckt. Insgesamt zeigt sich, dass Europa und insbesondere Deutschland vor grundlegenden wirtschaftlichen Herausforderungen steht, die sich nicht kurzfristig lösen lassen.
Welche Rolle Rohstoffe und Energie in diesem Umfeld spielen
Vor dem Hintergrund steigender Schulden, geopolitischer Spannungen und wachsender Unsicherheiten setzt Marco Ludescher weiterhin auf Rohstoffe und Energie als sinnvolle Depotbeimischung. Edelmetalle wie Gold und Silber gelten dabei als klassische Absicherung gegen Währungsabwertung und Verschuldungsrisiken. Im vergangenen Jahr konnte Gold um rund 65 % zulegen, während Silber sogar um nahezu 150 % stieg.
Quelle: London Metal Exchange, Bloomberg
Auch der Energiesektor rückt zunehmend in den Fokus. Öl- und Gasproduzenten profitieren sowohl von geopolitischen Spannungen, etwa im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt, als auch von einer weltweit stabilen Nachfrage nach Energie. Ein wichtiger Indikator ist dabei das Gold-Öl-Verhältnis, das aktuell bei rund 70:1 liegt. Dieses historisch hohe Niveau deutet darauf hin, dass Öl im Vergleich zu Gold eher günstig bewertet ist und somit Aufholpotenzial besitzt.
Zusätzlich zeigen ETFs wie der börsengehandelte Fonds XLE, der den US-Energiesektor abbildet, erste Ausbrüche aus langjährigen Seitwärtsbewegungen. Viele Unternehmen in diesem Bereich überzeugen zudem weiterhin durch solide Dividenden, was den Sektor auch für langfristig orientierte Anlegerinnen und Anleger attraktiv macht.
Quelle: SubuTrade
Fazit: Was Anlegerinnen und Anleger aus dem Interview mitnehmen können
Die globalen Finanzmärkte stehen zunehmend unter Druck – geprägt von hoher Staats- und Unternehmensverschuldung, geopolitischen Unsicherheiten und massiven Investitionen in neue Technologien wie künstliche Intelligenz. Während diese Entwicklungen langfristig Chancen eröffnen, erhöhen sie gleichzeitig die Risiken an den Kapitalmärkten.
Besonders in den USA, Europa und Asien zeigen sich strukturelle Schwächen, die durch steigende Schulden und wirtschaftliche Ungleichgewichte zusätzlich verstärkt werden. Vor diesem Hintergrund bleiben Rohstoffe und Energie langfristig attraktive Anlageklassen, da sie einen gewissen Schutz vor Inflation, Währungsabwertung und systemischen Risiken bieten.
Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet dies, selektiv vorzugehen und den Fokus verstärkt auf reale Werte ohne Gegenparteirisiko zu legen, um sich gegen die wachsenden Unsicherheiten an den globalen Märkten abzusichern.
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