Donnerstag, der 27. März 1980 ging als Silver Thursday („Silber-Donnerstag“) in die Finanzgeschichte ein: Nach einer beispiellosen Rallye brach der Silberpreis ein und mit ihm das Vertrauen in die Stabilität eines ganzen Marktsegments. Ausgelöst wurde die Kettenreaktion durch den Versuch der texanischen Hunt-Brüder, den Silbermarkt zu dominieren, kombiniert mit Hebelwirkung, Margin-Mechanik und regulatorischen Eingriffen.
Den vollständigen Talk mit Prof. Dr. Torsten Dennin findest du auf unserem Spotify-Channel.
Der historische Hintergrund: Inflation, Vermögensschutz und eine Spekulation, die zu gross wurde
Ende der 1970er-Jahre war das Umfeld durch hohe Inflation, schwaches Vertrauen in Papierwährungen und geopolitische Spannungen geprägt. Die Hunt-Brüder, die ihr Vermögen im Ölgeschäft gemacht hatten, suchten (so die gängige historische Lesart) zunächst Absicherung gegen Geldentwertung und dann zunehmend Rendite durch Marktmacht.
Wer waren die Gebrüder Hunt und was war ihre Motivation?
Nelson Bunker Hunt und William Herbert Hunt waren äusserst vermögende US-amerikanische Unternehmer aus Texas. Ihr Vermögen stammte vor allem aus dem Ölgeschäft (Familienvermögen).
Ihre Motivation hatte – der verbreiteten historischen Einordnung folgend – zwei Ebenen:
- Vermögen schützen (Hedge-Idee): Wenn Geld an Kaufkraft verliert, wirken „harte“ Güter wie Edelmetalle als Wertspeicher.
- Spekulation/Marktmacht (Corner-Idee): Irgendwann ging es nicht mehr nur um Absicherung, sondern darum, so viel Silber zu kontrollieren, dass der Markt faktisch knapp wird, der Preis weiter steigt und man davon massiv profitiert.
Im ersten Schritt kauften die Brüder physisches Silber und lagerten es ein. Ihr Ziel war es, das Angebot auf dem Markt zu verringern, eine Knappheit zu erzeugen und somit den Preis in die Höhe zu treiben. Im zweiten Schritt kamen Terminkontrakte (Futures) hinzu und damit der Hebel.
Was ist ein Terminkontrakt?
Ein Future ist ein standardisierter Vertrag an einer Terminbörse: Man verpflichtet sich, zu einem bestimmten Datum in der Zukunft eine festgelegte Menge Silber zu einem heute vereinbarten Preis zu kaufen (Long) oder zu verkaufen (Short). In der Praxis wird oft nicht am Ende wirklich geliefert. Viele schliessen die Position vorher wieder (verkaufen den Long-Future bzw. kaufen ihn zurück).
Warum nutzt man Futures statt physischem Silber?
Weil man mit wenig Einsatz eine grosse Position bewegen kann. Für einen Future zahlt man nicht den ganzen Wert, sondern hinterlegt nur eine Sicherheitsleistung.
Was bedeutet „Margin“ (Sicherheitsleistung)?
Die Börse verlangt beim Kauf eines Futures eine Initial Margin (Start-Sicherheit). Zusätzlich gibt es eine Maintenance Margin (Mindestbetrag), der laufend auf dem Konto bleiben muss.
Was ist ein „Margin Call“?
Wenn der Silberpreis fällt, entstehen Verluste und die Börse fordert sofort Geld nach. Das ist der Margin Call. Wer nicht nachschießen kann, dessen Position wird zwangsweise geschlossen (man muss verkaufen).
Wo liegen die Risiken?
- Hebelwirkung: Kleine Preisbewegungen können grosse Verluste auslösen, weil nur ein Teil des Positionswerts als Margin hinterlegt ist.
- Abwärtsspirale: Fallen Preise, kommen Margin Calls → es wird verkauft → Preise fallen weiter.
- Regeländerungen: In Stressphasen können Börsen Margins erhöhen oder den Handel einschränken – wer dann nicht genug Liquidität hat, muss Positionen abbauen.
Merksatz: Futures können Gewinne verstärken, aber auch Verluste. Der Hebel macht sie in Crash-Phasen besonders gefährlich.
Damit wird klar: Die Hunt-Brüder setzten nicht nur auf physisches Silber, sondern auch über Futures auf steigende Preise. Genau dieser Hebel machte das System anfällig für Margin Calls, strengere Regeln und Zwangsverkäufe.
Was am „Silber-Donnerstag“ passierte
Als Börsen und Regulatoren die Risiken eindämmen wollten, wurden die Bedingungen am Terminmarkt verschärft und aus einer Rallye wurde eine Abwicklungsspirale. Margin Calls trafen auf fallende Preise, die wiederum neue Margin Calls auslösten: ein klassischer Feedback-Loop.
„Geschichte reimt sich“: Parallelen aus dem Experteninterview
Prof. Dr. Torsten Dennin nennt im Interview explizit den historischen Vergleich zu 1980, weil extreme Moves im Silber selten sind und wenn sie passieren, ähneln sich die Mechaniken:
- Silber ist der volatilere Bruder von Gold: kleinerer Markt, weniger Liquidität, stärkere Ausschläge.
- Mechanik schlägt Narrativ: dünne Bücher, späte Handelszeiten und systematische Strategien können Bewegungen beschleunigen.
- „Durchatmen“ ist gesund: exponentielle Preisanstiege enden häufig abrupt – Korrekturen stabilisieren das Fundament.
